«Texte & Kontexte»

1978 erschien das erste Heft der Zeitschrift «Texte & Kontexte», herausgegeben von einem Freundeskreis aus dem Umfeld der theologischen Kommission der (evangelischen) Studentengemeinde in der BRD: Ton Veerkamp (Westberlin), Till Wilfsdorf (Stuttgart), Magdalene Winchenbach (Westberlin) und Jasp van Zwieten de Blom (Bochum). Diese Zeitschrift sollte die Erfahrungen mit der Bibelauslegung in den Gemeinden dokumentieren und reflektieren: «Diese Zeitschrift ist also ein Schritt zur Selbsthilfe. […] Sie entsteht von der Erfahrung her, dass es zwar keinen ‘Markt’ gibt für Gottes Wort, jedoch eine Bereitschaft auf dieses Wort zu hören und die Gewissheit es hören zu können, ohne den Salto mortale in den Fundamentalismus ausführen zu müssen und ohne sich den Text mittels ‘kritischer’ Unterscheidungen zwischen ‘primär’ und ‘sekundär’ selber zurechtschneidern zu müssen.» Ende 2025 ist mit Heft 173/174 für das Jahr 2024 die letzte Lieferung erschienen; weitere Hefte sind konzipiert, bzw. sie stehen unmittelbar vor ihrer Auslieferung.

Aus der Gründergruppe von 1978 war Ton Veerkamp jahrzehntelang für die Redaktionsarbeit verantwortlich, und er war im Ruhestand bis zu seinem Tod 2022 der «spiritus rector» der Zeitschrift. 2020 erschien unter dem Titel «Abschied vom Christentum» eine zeitgeschichtlich verortete Bilanz seiner Texte. Posthum wurde 2023 von seinen Freunden die nicht mehr vollendete Rohübersetzung und Kommentierung der «Offenbarung» veröffentlicht. Trotz seines Entwurfscharakters lässt sich dieser Text in seiner Kombination von Textanalyse und zeitgeschichtlicher Kontextualisierung als ein geistliches Testament von Ton Veerkamp lesen.

Ton Veerkamp brachte in den Kreis seiner Freunde, die durch die Arbeiten des Exegeten Fernando Belo, des Kirchenhistorikers Michel Clévenot und des Systematikers Sergio Rostagno für neue Zugänge zur Schriftauslegung sensibilisiert waren, die Kontakte mit der «Amsterdamer Schule» ein. Dieser Ausdruck hat sich eingebürgert, um die vom Amsterdamer Alttestamentler Frans Breukelman (1916 – 1993) ausgearbeitete und von seinem Schülerkreis weiterentwickelte Methode der Schriftauslegung zu bezeichnen. Der Systematiker Kornelis Heiko Miskotte hat Breukelmans Arbeitsweise prägnant beschrieben: «Die Anordnung der biblischen Bücher, so wie sie uns geläufig ist, übernommen aus der Septuaginta, scheint von einem literarischen Prinzip auszugehen: geschichtliche, dichterische und prophetische Bücher. Damit ist die innere Struktur des Kanons gestört. Die ‘Thora’ ist die eigentliche Basis, weil sie das Zeugnis von Gottes unmittelbar eingreifendem Sich-Kümmern enthält: die Propheten […] rufen zur Erkenntnis des Bundes und des Gebotes zurück; die Schriften […] beschreiben, wie die Gemeinde auf Gottes Eingreifen und Gottes Zeugnis reagiert…» Damit ist nicht nur die Zuordnung der einzelnen Komplexe des Kanons beschrieben, sondern sind auch die von Breukelman angewandten methodischen Schritte festgelegt; sie beginnt mit einer kolometrischen (nach Sprechpausen gegliederten) Lektüre der einzelnen Texte, gefolgt von einer Analyse grösserer Textzusammenhänge. Hilfe von konkordanten Vergleichen des Wortgebrauchs.

Für die Redaktoren und Autoren von «Texte und Kontexte» sind sowohl die kanongeschichtliche Anordnung der einzelnen biblischen Bücher wie die Methode der Exegese der einzelnen Textpassagen bis heute massgeblich. In diesem Rahmen sind nicht nur Auslegungen einzelner Textpassagen (Perikopen) vorgelegt worden. Ausserdem wurden Übersetzungen und Kommentierungen der Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes, der Apostelgeschichte, des Hebräer-, Jakobus- und Judasbriefs und der Offenbarung des Johannes veröffentlicht.

In der Jesuitenbibliothek finden sich alle Jahrgänge von «Texte und Kontexte», sowie die Monographie von Dick Boer: Wir aber hatten so gehofft. Ton Veerkamp: ein unbequemer Denker. (Woltersburger Mühle, Uelzen 2021).

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