Magnus Striet: Im Abgrund der Gottesfrage. Jürgen Habermas provoziert die Theologie

Was würde uns fehlen, wenn die Erinnerung an Jürgen Habermas verloren gehen würde? Diese Frage drängt sich mir immer stärker bei der Lektüre des vom Freiburger Theologen Magnus Striet verfassten Buches «Im Abgrund der Gottesfrage. Jürgen Habermas provoziert die Theologie» auf. Unter Erinnern ist dabei nicht nur der Blick auf das Lebenswerk eines global bedeutsamen Sozialwissenschaftlers und Philosophen sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dessen Argumenten und Positionen gemeint.

Magnus Striet will mit seinem Buch zuerst einmal seine Fachkollegen und gleichzeitig darüber hinaus jedermann zu einer radikalen Konfrontation mit den Ueberlegungen von Jürgen Habermas herausfordern. Mit seinem Buch reagiert er auf einen Text von Jürgen Habermas, den dieser in der Form eines «Geburtstagsgrusses» für den Frankfurter Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt (in der Thomas M. Schmidt gewidmeten Festschrift «Den Diskurs bestreiten» herausgegeben von Michael Roseneck u.a.) veröffentlicht hat. Darin erinnert sich Jürgen Habermas an Beziehungen zwischen ihm und seinem ehemaligen Doktoranden Thomas M. Schmidt und nimmt ausdrücklich Bezug auf die dabei geführten Fachgespräche über den Status und den Wandel des Christentums in der gegenwärtigen Gesellschaft. Jürgen Habermas zieht fasst diese zusammen, indem er die Position seines Gesprächspartners mit folgenden Worten, die hier ausführlich zitiert werden sollen, beschreibt: «Aber offenbar hat er [scl. Thomas M. Schmidt] mit der Alternative entinstitutionalisierter Formen des Glaubens eine radikalere, an die Wurzeln des Theismus greifende Veränderung im Sinn. Diese Transformation, die er im Blick hat, soll nämlich das neue religiöse Bewusstsein und dessen Praxis der Gefahr eines Abgleitens in einen spirituellen ‘Erlösungsnarzissmus’ der ‘Selbstsakralisierung’ umso eher entgehen können, je wenige sie am dogmatischen Kern einer monotheistischen Erlösungsreligion festhält und das heisst: je klarer sie sich von einer Jenseitsorientierung und dem expliziten göttlichen Erlösungsversprechen verabschiedet. Gleichwohl spricht Schmidt auch in diesem Fall noch von einer religiösen Glaubenspraxis, die Zuversicht aus spirituell erneuerten Hoffnungen schöpft, auch wenn diese sich nicht mehr auf die Glückseligkeit einer alles innerweltliche transzendierenden Erfüllung richten.» Die Formulierung von Jürgen Habermas ist voraussetzungsreich und gleichzeitig präzise; sie hat gleich nach dem Erscheinen der Festschrift eine heftige Debatte im deutschsprachigen Feuilleton ausgelöst, die in den Nachrufen nach Jürgen Habermas’ Tod am 16 März 2026 noch einmal zur Sprache kam. In welcher Form ein Gespräch zwischen dem Verfasser des Geburtstagsgrusses und dessen Empfänger stattgefunden hat, ist bislang nicht bekannt; ausserdem hatte Thomas M. Schmidt keine Möglichkeit zu einer ausführlichen Antwort: er starb unerwartet am 31. Dezember 2025.

Diese Situation eines nicht mehr möglich gewordenen Gesprächs und die in der zitierten Anfrage von Jürgen Habermas formulierte Grundfrage an die Theologie bildet den Kontext des Buches von Magnus Striet. Sein Inhalt kann hier nicht resümiert werden; wohl lassen sich drei Beobachtungen machen. Magnus Striet gibt einmal einen Ueberblick auf die Stellungnahmen von Jürgen Habermas zu Religion und Theologie von dessen «Theorie des kommunikativen Handelns» bis zu den zwei Bänden «auch eine Geschichte der Philosophie». Die hier vorgelegten Skizzen zu den jeweiligen Aeusserungen von Jürgen Habermas zur Religion sind nicht nur für sich genommen aufschlussreich; sie konturieren die Brisanz seiner jüngsten Feststellungen über die Religion. Des Weiteren fordert die Anfrage von Jürgen Habermas die Theologen grundsätzlich heraus, ihr «Kerngeschäft» unter den Ansprüchen der Moderne als eine Theorie der Freiheit in praktischer Absicht zu betreiben. Schliesslich sieht Magnus Striet in Jürgen Habermas einen würdigen Nachfolger in der Tradition von Immanuel Kants, dessen Vernunftkritik die Basis zu einer humanen Gesellschaft gelegt hat. In diesem Sinne schliesst er sein Buch mit folgendem Satz: «Wer Habermas nicht vermisst, muss sich fragen lassen, wie er sich zu dieser normativen Idee eines Rechts auf Freiheit aller und damit zu der eines ethischen Universalismus verhält. Ich werde seine Stimme vermissen.»

 

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